In dieser Folge spreche ich mit der Dramaturgin, Kuratorin und Autorin Hayat Erdoğan über ihren Debütroman «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen 2026).
Der Roman spielt an einem einzigen Tag. Am 6. Februar 2023 erschüttert ein Erdbeben den Südosten der Türkei und den Norden Syriens. Zehntausende Menschen sterben, Hunderttausende werden verletzt.
Die Geschichte beginnt aber nicht mit diesem unheilvollen Ereignis, sondern am Morgen danach, als die ersten Nachrichten aus dem Katastrophengebiet zur Erzählerin nach Zürich schwappen. Die Geschichte erstreckt sich über die nächsten 24 Stunden – jeder Stunde ist ein Kapitel gewidmet –, 24 Stunden, in denen die Katastrophe langsam beginnt, Realität anzunehmen, in dem Nicht-Verstehen erst Ohnmacht und Ohnmacht einer Trauer weicht, die tiefer greift, und dabei auch Verschüttetes anderer Art an die Oberfläche befördert – eigene schmerzhafte Erinnerungsschichten freilegt.
Als Dramaturgin und ehemalige Co-Leiterin des Theater Neumarkts beherrscht Hayat Erdogan die szenisch-dramatische Zuspitzung, als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin kennt sie die Theorien, die Macht-, Identitäts- und Erinnerungsdiskurse, und auch die Narrative um solche Naturkatastrophen, für die in Vergangenheit immer wieder religiöse, politische, mythische Erklärungen gefunden wurden.
In ihrem Debütroman interessiert Hayat Erdoğan jedoch vor allem eine Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn das vermeintlich feste Terrain ins Wanken gerät?
«Hauptsache kein Zeitgeist» ist ein kluges, zartes und zugleich politisches Buch. Ein Buch über Erinnerung und Zugehörigkeit. Über Sprache als Halt – und als Bruchstelle. Und über Trauer, persönliche und kollektive, und die Frage, wie Trauer uns verbinden kann.
Die folgende Aufnahme entstand Anfang März im Cabaret Voltaire in Zürich.
Schnitt: Okan Yilmaz
Foto © Nils Lucas
Musik: Haftbefehl – 'Odyssee'