Papyrus – klingt nach staubigen Texten und ziemlich weit weg von unserer Gegenwart. Aber dieses Vorurteil ändert sich schnell, wenn einem Anna Dolganov, Althistorikerin und Papyrologin am Österreichischen Archäologischen Institut, diesen unter die Nase hält. Denn ihr letzter Forschungsfund, ein Papyrus etwa so groß wie ein heutiges A4-Blatt, enthält den Stoff für einen waschechten Politthriller. Im Mittelpunkt stehen zwei Herren: Gadalias, der Sohn eines Notars mit zweifelhaftem Ruf, und sein Kumpan Saulos, ein Mann mit einer Vorliebe für kreative Buchhaltung. Ihr Verbrechen? Ein fingierter Sklavenkauf, verbunden mit einer dreisten Manipulation offizieller Dokumente. Das Ziel: Steuern sparen. Wahrscheinlich.
Was genau Gadalias und Saulos bezweckten, bleibt unklar. War es bloß ein schlauer Trick, um den römischen Fiskus zu prellen? Oder steckte mehr dahinter? Immerhin fällt auf, dass einer der vermeintlich gekauften Sklaven anschließend freigelassen wurde. Ein merkwürdiger Zug für einen Finanzbetrug – es sei denn, der wahre Plan bestand darin, jüdische Sklaven in die Freiheit zu schleusen, vielleicht sogar Rebellen, die in den Wirren der letzten Aufstände in Gefangenschaft geraten waren.
Der Fall Gadalias und Saulos zeigt: Geschichte ist selten so klar, wie sie scheint. War es ein gewöhnlicher Betrug – oder ein Akt des Widerstands? Hatte man es nur auf Geld abgesehen, oder ging es um weit mehr? Und wie fühlt es sich an, fast 2000 Jahre später ein Dokument zu entziffern, das mitten in diesen Wirren geschrieben wurde?
Diese Podcast-Folge haben wir uns von unserem Schwesternpodcast IM MUSEUM ausgeborgt.