Sebastian Höpfner, Jahrgang 1986, aus Flensburg stammend ist kein Herold, der Etiketten vorliest. Er ist eher wie jemand, der einen alten Brief gefunden hat und herausfinden will, wer ihn wirklich geschrieben hat. Dass er dabei zuverlässig bei Antworten landet, die andere nicht mal als Fragen formuliert hätten, gehört zu den Dingen, die man von ihm nach ein paar Minuten schlicht erwartet.
___
Als kleinen Bonus für Dich haben wir uns Christoph Nicklas, einen der absoluten Weinfachmenschen und Fachjournalisten unserer Republik vor das Mikrofon geholt, da sich das berühmte „Judgement of Paris“ im Mai zum 20. Mal jährte und anlässlich dessen die legendäre Vergleichsprobe mit ausgewählten Weinen im Rahmen des vom Meininger Verlag durchgeführten SOMMELIER SPRING SUMMIT, bei dem die besten SOMMELIERS aus dem D-A-CH-Raum nach Neustadt geladen werden, erneut exemplarisch durchgeführt wurde.
Und natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, Christoph um seine Eindrücke zu bitten. Angedacht war es als kleiner, 10-minütiger Einspieler, und dann ist doch eine ganze Stunde daraus geworden – und das nicht ohne Grund.
DANKE, Christoph Nicklas, für Deine Eindrücke – wir hätten uns noch Stunden austauschen können.
___
Doch zurück zu Sebastian, dessen Weg begann in Flensburg, wo er bei Mäder's Restauration das Handwerk lernte. Den Wein entdeckte er dann nicht im Kurs und nicht aus dem Lehrbuch, sondern im Gourmetrestaurant Die Quadriga des Berliner Brandenburger Hofs: eine deutsche Weinkarte, alle 13 Anbaugebiete mit einer Tiefe, die ihn nach eigenem Bekunden bis heute suchen lässt. Was folgte, war keine geplante Karriere, sondern eine Folge von Entscheidungen, die alle in dieselbe Richtung zeigten: Waldorf Astoria Berlin, Riva Hotel Konstanz, dann ab 2017 bis 2022 als Head-Sommelier im Restaurant Français des Steigenberger Frankfurter Hofs, einem Haus mit Michelin-Stern, in dem er die Weinkarte so aufbaute, als würde er ein Manuskript verfassen. Danach, für knapp zwei Jahre, der Taubenkobel in Schützen am Gebirge in Österreich, eines der bekanntesten Häuser der biodynamisch und naturweinaffin ausgerichteten österreichischen Spitzengastronomie. Seit Januar 2025 ist Höpfner Sommelier im Berliner Drei-Sterne-Restaurant Rutz, das von Marco Müller und dem Inhaberehepaar Anja und Carsten Schmidt geführt wird und seit 2020 als einziges Restaurant Berlins drei Michelin-Sterne trägt sowie zusätzlich den Grünen Michelin-Stern für nachhaltiges Wirtschaften. Die 800 Positionen umfassende Weinkarte des Rutz ist dort sein Instrument.
Die Branche hat das alles registriert: Rolling Pin führte Höpfner 2024 auf Platz 8 der 50 besten Sommeliers Deutschlands, 2023 unter den Top 50 Österreichs. Der Sternefresser kürte ihn 2023, der Gusto 2025 zum Sommelier des Jahres; der Schlemmer Atlas listete ihn bereits 2020 unter den Top 50. Das ist keine Preissammelmentalität. Das sind Markierungen auf einem Weg, der konsequent in eine Richtung führt: raus aus der Komfortzone, rein in das Unangenehme, das hinterher besser schmeckt.
Und was hat das alles mit Lodi zu tun? Fast alles. Höpfner hat das Talent, zwischen den Welten zu übersetzen, ohne je zu vergessen, aus welcher er kommt. Sein Leitfaden, Respekt vor der Klassik und Offenheit für die Moderne, beschreibt Lodi besser als jede offizielle AVA-Beschreibung: eine Region, in der Zinfandel-Stöcke aus dem Jahr 1886 neben Winemakers mit Betonei-Tanks und Orangewein aus Picpoul stehen. Wer am Taubenkobel gelernt hat, was nicht-interventionistisches Arbeiten mit Wein bedeutet, und wer am Rutz versteht, warum Nachhaltigkeit kein Marketingbegriff ist, der kann Lodi erklären. Und zwar nicht als Kuriosität, sondern als das, was es ist: eine der bedeutendsten Weinregionen der Welt, die sich über Jahrzehnte erfolgreich geweigert hat, so zu klingen.