85 Episoden
- Kirche - wo bist du? Es gab Zeiten, da hätte die Antwort wahlweise gelautet: Mitten im Dorf. Oder auch: überall, wo es wichtig wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. Aktuelle Beispiele zeigen, dass die Bedeutung der Kirchen immer weniger selbstverständlich ist. Aus ihrem eigenen Erleben tragen Andi und Thorsten zusammen, wie sehr ihr eigenes Bild von Kirche dem Wandel unterliegt.
Kirche gibt es in höchst unterschiedlicher Gestalt. Gemeinsam deklinieren die beiden Podcaster Ernst Troeltschs bekannte Unterscheidung der drei Haupttypen von Kirche (Kirche, Sekte, Mystik) durch:
a) Universal-, Volks- oder Staatskirche als das grosse Dach für alle, die lebendige Mitte einer Gesellschaft, wo der Glaube eng verbunden ist mit allen Entwicklungen der Wissenschaft, der Politik und der Kunst und des sozialen Zusammenhalts
b) Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, als Zusammenschluss der Entschiedenen und Überzeugten, als Gegenkultur zu allem, was als Mainstream gilt («Sekte», Freikirche etc.)
c) Kirche als das unsichtbare Reich der individuellen Spiritualität, in der die Einzelnen ihre Gottesbeziehungen leben, ohne sich durch die Dogmen und Regeln der organisierten Religion reinreden zu lassen.
Vieles spricht dafür, dass diese Haupttypen nur im Zusammenspiel darstellen, wie universal, persönlich und gemeinschaftlich der christliche Glaube angelegt ist. Zugleich sehen Andi und Thorsten auch: Troeltschs Traum, dass eine elastisch gemacht Volkskirche alle drei Aspekte miteinander verbinden könne, verblasst heute. Gerade die alle Menschen verbindende Idee der Volks- bzw. Grosskirche scheint immer weniger Menschen einzuleuchten.
Gerade für die Landeskirchen stellt sich neu die bekannte Kinderfrage: Was willst du denn mal werden, wenn du gross bist? Was wollen wir denn als Kirche werden, wenn wir klein sind? Denn klein ist nicht die Antwort.
Wenn die Kirchen nicht mehr die Mitte sind, sondern Minderheit wird, ändert sich vieles. Können wir lernen, diese Frage ohne Krisen- und Katastrophengefühle zu diskutieren? Als offene, ja spannende Herausforderung angesichts einer neuen Phase von Christentum, für die es keine historischen Vorbilder gibt. - Thorsten und Andi schliessen mit dieser Folge die Serie über die Bibel ab – zumindest vorläufig. Sie nehmen einige der Rückmeldungen auf, in denen Hörer:innen auf bleibende Herausforderungen für ihr heutiges Lesen der Bibel aufmerksam gemacht haben.
Ein Knackpunkt betrifft die Balance zwischen historischem Verstehen und persönlicher Anverwandlung biblischer Texte. Dass die Bibel durch wissenschaftliche und historische Auslegung erst einmal fremd und kompliziert wird, ist nötig. Wie aber kommt es zu einer Dynamik, in der uns die Texte wieder nahe kommen, uns berühren und zu Herzen gehen? Andi und Thorsten berichten von persönlichen Erfahrungen und sprechen über gelungene Beispiele, in denen Dekonstruktion und Rekonstruktion zusammenspielen.
Als nächstes gibt es einen Nachschlag zur Podcast-Folge mit Sonja Ammann über die Gewalttexte des Alten Testaments. Andi macht klar, wie brutal manche Gottesbilder der Bibel sind. Er stellt die einflussreichsten theologischen Strategien zum Umgang mit Gottesbildern der Gewalt dar und diskutiert dann mit Thorsten jeweils die Schwächen und Stärken. Auch wenn lange nicht alles zu diesem schwierigen Thema gesagt werden kann, so bleibt am Ende die begründete Überzeugung: Die Texte hatten damals eine wichtige Funktion, auf die wir in unserer gewalthaltigen Zeit nicht verzichten sollten: Sie eröffnen einen Raum, in dem Betroffene einen guten Umgang mit Erfahrungen von Gewalt entwickeln können.
Als dritte Herausforderung nehmen die beiden Podcaster das aktuelle Buch von Michael Roth auf und fragen, ob die Bibel wirklich so gefährlich für die Ethik ist, wie er behauptet. Ist eine Ethik ohne Bezug zur Bibel noch eine theologische Ethik? Welche Rolle kann die Bibel in ethischen Problemen unserer Zeit spielen, die in biblischen Zeiten noch gar nicht da waren? Thorsten plädiert dafür, die Bibel als Ausgangs- und Bezugspunkt zu nehmen und sich von ihr in unserer ethischen Arbeit irritieren und inspirieren zu lassen. Thomas Schlag: Post-digitale Zeiten, KI und die Frage nach dem Menschlichen
05.07.2026 | 1 Std. 13 Min.Seit Jahren beschäftigt sich der Zürcher Prof. für Praktische Theologie, Thomas Schlag, mit den Herausforderungen des digitalen Wandels. Als Direktor des Sonderforschungsbereichs «Digital Religions» an der Universität Zürich beobachtet er die technischen und medialen Entwicklungen unserer Zeit.
Dass sich selbst der Papst der römisch-katholischen Kirche, Leo XIV., in seiner ersten Enzyklika ausführlich zu den Herausforderungen der künstlichen Intelligenz für unsere Zeit äussert, nehmen Andi Loos und Thorsten Dietz zum Anlassen, sich im Podcast Geist.Zeit ausführlich mit Thomas Schlag zu diesen Fragen zu unterhalten.
Thomas Schlag spricht inzwischen von einer post-digitalen Situation. Post- nicht in dem Sinne, dass die Bedeutung dieser Entwicklungen schon wieder nachlässt; im Gegenteil. Digitale Welten sind inzwischen so selbstverständlich, dass sie keine Sonderwelt mehr sind, sondern etwas, was sich auf alle Lebensbereiche auswirkt, auch auf Kirche und Religion. Digitale Selbstverständlichkeiten verändern unsere Kommunikationsgewohnheiten. Sie stellen auch klassische Hierarchien und Expertisen in Frage.
Die neuen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz fordern uns seit einigen Jahren zusätzlich heraus. Die Enzyklika des Papstes «Magnifica Humanitas» ist ein guter Einstieg in das Thema. Durchaus beeindruckt stellt Thomas Schlag fest: Der Papst ist mit diesem Text (der mit viel Expertise im Hintergrund verfasst wurde) auf der Höhe der heutigen Entwicklungen. Er stellt wichtige Fragen, die für uns wesentlich sind.
Wer sind wir Menschen angesichts der rasanten Entwicklungen? Müssen wir der Möglichkeit ins Auge sehen, dass sehr viele von uns ersetzbar sind oder gemacht werden? Es ist eindrücklich, wie der Papst unter dem Titel der grossartigen Menschheit unsere Verletzlichkeit betont. Das ist nicht unsere Schwäche – sondern unsere Stärke. Nur angesichts unserer Grenzen entwickeln wir die Fähigkeit zu Solidarität, zu Fürsorge und Mitgefühl. Es ist mehr denn je entscheidend, diese Merkmale nicht verdrängen zu wollen.
Überzeugend findet Schlag auch die päpstliche Kritik an den Machtverhältnissen, die im Hintergrund besteht. Das Stichwort der «Entwaffnung» der Künstlichen Intelligenz ist notwendig, vor allem wenn man bedenkt, wie stark technischen Entwicklungen heute auch mit der militärischen Aufrüstung unserer Zeit verbunden sind.
Weiterführende Links:
Zum Forschungsbereich «Digital Religions» geht es hier: (https://www.digitalreligions.uzh.ch/de.html)
Hier (https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html) findet sich die Enzyklika «Magnifica Humanitas» von Papst Leo XIV
KI und Digitalität ist auf bei RefLab eine eigene Themenwelt: https://www.reflab.ch/category/themenwelten/digitalisierung-und-ki/.
Dort findest Du zwei aktuelle Podcastfolgen zum Thema:
«Himmel und Erdung»: Johanna di Blasi spricht mit Thomas Schlag und Sina Horner über neuste Forschungsergebnisse zur Nutzung von KI bei persönlichen Lebensfragen: Wenn der Algorithmus zum Seelsorger wird – Studie von «Digital Religion(s)» (https://www.reflab.ch/wenn-der-algorithmus-zum-seelsorger-wird-digital-religions/)
Und auch Manuel Schmid und Stefan Jütte sprechen in ihrem Podcast «Ausgeglaubt» über die Enzyklika des Papstes: Papst Leo, die KI und wir (https://www.reflab.ch/papst-leo-die-ki-und-wir/)- Die Gewalttexte der Bibel sind verstörend. Religionskritikern liefern sie die Gründe, den Glauben an Gott abzulehnen. Andere meiden diese Texte oder würden sie am liebsten aus der Bibel löschen. Sonja Ammann, Professorin für Altes Testament an der Uni Basel, hält dagegen: Gerade für Menschen, die heute mit Gewalt überzogen werden, können diese Texte eine wichtige Funktion haben. Die Opfer von Gewalt bekommen darin eine Stimme. Ihr Erfahrungen kommen zur Sprache und werden so gemeinschaftlich verarbeitet.
Gerade auch in der Begegnung mit Bibelwissenschaftler:innen, die aus ihrer Heimat selbst schwere Gewalterfahrungen kannten, gewann Sonja Amman den Anstoss, sich mit kriegerischer Gewalt im AT intensiver zu beschäftigen.
In einem ersten Gesprächsgang (ab Minute 13) entwickelt Sonja Ammann zusammen mit Andi und Thorsten einen knappen Überblick: Was sind die unterschiedlichen Formen von Gewalt im Alten Testament, in welchen Textgattungen wird Gewalt thematisiert, und wer spricht aus welcher Perspektive?
Im Hauptteil stellt Sonja Ammann (ab Minute 33) ihren Zugang vor, den sie vor allem ausgehend von den Ereignissen rund um die Eroberung Jerusalems (ab 597 v.Chr.), der Zerstörung des Tempels und der Deportation des jüdischen Volkes nach Babylon entwickelt. Die Gewalttexte des Alten Testaments helfen der Gemeinschaft, Kriegserfahrungen zu erinnern und durch Deutung zu verarbeiten. Wesentlich ist auch das Bewusstsein, dass Neuanfänge möglich sind und traumatische Erfahrungen nicht das Ende sein müssen. Wie läuft dieser Prozess, durch den eine Mastererzählung entsteht, eine kollektive Identität, welche die Zukunft einer Gemeinschaft prägt?
Schliesslich fragen die drei Podcaster, wie wir heute mit den Gewalttexten des Alten Testaments umgehen können (ab Minute 56). Denn sie bilden keine Dunkelfolie im Gegensatz zu unserer eigenen, friedlichen Zeit. Auch unsere Welt ist voller Gewalt. Können wir vom alttestamentlichen Umgang mit Gewalterfahrungen heute etwas lernen?
Wer Sonja Ammann ist und woran sie forscht: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_Ammann
Weiterführende Publikationen
Sonja Ammann: Der zerbrochene Spiegel. Die babylonische Eroberung Jerusalems als kulturelles Trauma. Studies in Cultural Contexts of the Bible, Bd. 9. Leiden: Brill 2024. Open Access unter https://brill.com/display/title/68367
Sonja Ammann; Helge Bezold; Stephen Germany; Julia Rhyder (Hg.): Collective Violence and Memory in the Ancient Mediterranean. Culture and History of the Ancient Near East, Bd. 135. Leiden: Brill 2023. Open Access unter https://brill.com/edcollbook-oa/title/60065
Sonja Ammann und Andere: Gewalt. Prospektiv. Theologisches und Religionswissenschaftliches aus Basel, Nr. 15, 2022.
https://theologie.unibas.ch/fileadmin/user_upload/theologie/05_Fakultaet/2_Organisation__frueher_Zur_Fakultaet_/Publikationen/2022_Prospektiv_Nr.15.pdf - Die Bibel fasziniert viele Menschen. Als Literatur, als kultureller Schatz, auch als Heilige Schrift, in der wir Gottes Wort erfahren. Und etliche sagen, dass die Bibel sie nicht (mehr) interessiert. Die Bibel erscheint ihnen irrelevant.
Mit dem Professor für Praktische Theologie Ralph Kunz reden Andi und Thorsten über die Bibel und den Umgang mit ihr heute. Leben mit der Bibel ist für Ralph Kunz ein Lebensthema. In seiner Jugend ist er in einem erwecklich-charismatischen Umfeld für den christlichen Glauben begeistert worden.
Auf seinem Weg in Kirche und Theologiestudium entdeckte er vielfältige Anregungen des christlichen Lebens, das soziale Engagement der Friedenskirchen, kontemplative Tradition in Taizé, das reiche Erbe der Wort-Gottes-Theologie an den Universitäten und die uns in heilsame Unruhe versetzenden Befreiungstheologien mit ihrer politischen und auch queer-sensiblen Parteilichkeit für alle Menschen.
Heute setzt er sich für eine lebendige der Nachfolge Jesu ein, in der Verbindungen entscheidend sind: zwischen Gemeinde und Weltoffenheit, Friedensengagement und Mission, aufgeklärte Bibelwissenschaft und Liebe zur Bibel. Ralph Kunz ist überzeugt: Christlicher Glaube als Lebensform lebt von der Erfahrung der Menschennähe Gottes. Diese geistliche Erfahrung kann man überall machen. Vor allem aber sind es die Buchstaben der Bibel, die uns mit Gott verbinden, die wie ein einladendes Zelt Räume der Begegnung mit Gott erschliessen.
Das ist auch für jede Kirche, die Zukunft haben wird, entscheidend: dass sie Erzählgemeinschaft der grossen Bibelgeschichten und Erfahrungsraum der Nähe Christi wird. Die Bibel ist nicht nur ein Speichermedium, in dem Glaubenswahrheiten aufbewahrt werden. Die Bibel ist ein Medium des Geistes, sie berührt und verändert uns, sie ermöglicht Erfahrungen der Begeisterung. Und gerade so macht die Bibel auch kritisch, auch gegenüber Entgleisungen der christlich-religiösen Welt. Bibellesen bildet, auch in unserer Zeit.
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Über Geist.Zeit
«Geist.Zeit»: Der Titel bringt auf den Punkt, was Theologie spannend macht. Geist zeichnet den Menschen und seine Zeit aus. Gott ist Geist, heisst es zugleich in der Bibel. Theologie ist Rede von Gott. Wenn es um Gott geht, geht es auch um uns. Nach Gott fragen, bedeutet immer auch, nach Selbst- und Welterkenntnis streben. Die Wahrheit des christlichen Glaubens kann jeweils nur in einer bestimmten Zeit ausgesprochen und verstanden werden.
«Geist.Zeit» ist ein neuer Theologiepodcast von Fokus Theologie, der Fachstelle für Erwachsenenbildung der Deutschschweizer Reformierten Kirchen.
Podcast-WebsiteHöre Geist.Zeit, Light and Soul mit Jana Haas und viele andere Podcasts aus aller Welt mit der radio.at-App

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