90 Episoden
- Die neue Bio-Verordnung ist eine krasse Herausforderung für kleine Kaffeeproduzenten.
Und sie sind aber die Mehrheit.
Der Gesetzestext liegt seit 2018 auf dem Tisch. Ich habe am Rand
mitbekommen, dass da etwas kommt, und mich nie richtig reingefuchst.
Gemerkt habe ich es erst, als unsere Partnerproduzenten anfingen davon
zu erzählen.
Seit 2025 gilt die neue EU-Bio-Verordnung auch für Drittländer, und
zwar eins zu eins. Wer mehr als fünf Hektar bewirtschaftet oder über
25.000 Euro Jahresumsatz kommt, fliegt aus der Gruppenzertifizierung.
Taucht irgendwo in der Kette ein nicht bewilligter Pestizid- oder Düngemittelrückstand auf, wird nicht mehr der
einzelne Betrieb gesperrt, sondern die ganze Gruppe. Kollektive
Haftung also, bei umgekehrter Beweislast.
Was heisst das für Kleinstproduzenten?
Die durchschnittliche Kaffeefarm in Peru misst 2,3 Hektar. Die neue
Grenze trifft also nicht die Großen. Sie trifft genau die, denen vor zwanzig Jahren gesagt wurde, sie sollen sich entwickeln. Zu groß für die Gruppe, zu klein für die eigene Zertifizierung.
Fairerweise: Die Verordnung ist nicht aus Bosheit entstanden. Es gab
Betrugsfälle, es gab Bananen, die von überall herkamen und als Bio
verkauft wurden, und Tobias Fischer sagt, 70 bis 80 Prozent der
lateinamerikanischen Kooperativen hätten die Umstellung geschafft.
Er kontrolliert seit über zwanzig Jahren Biobetriebe für die
Ökokontrollstelle Kiwa BCS und war neun Jahre beim europäischen
Dachverband der Kontrollstellen. Er kennt beide Seiten des Tischs.
Und trotzdem erzählt Lukas Harbig, der mit Cumpa Rohkaffee in Peru
kauft, dass selbst Kooperativen aussteigen wollen, die alle Auflagen
erfüllen könnten. Weil das Risiko nicht mehr beherrschbar ist. Jimmy, sein bester Freund in Peru, kam von der
Kaffeemesse in Chicago zurück mit der Nachricht, dass dort niemand
mehr über Europa spricht.
Wir schreiben also Gesetze für eine Landwirtschaft, die es in den
Anbauländern nicht gibt, und wundern uns, dass sie woanders hingehen.
Warum eigentlich stoßen wir uns an einem Label im Regal viel mehr als
daran, wer künftig überhaupt noch liefern darf? - Ab dem 27. September gilt in der EU die EmpCo-Richtlinie. Allgemeine Umweltaussagen wie «umweltfreundlich», «naturschonend» oder «klimaneutral» sind ohne Nachweis nicht mehr erlaubt, selbstgebastelte Nachhaltigkeitssiegel ebenfalls nicht. Abmahnen können Mitbewerber, Verbände und Konsumenten.
Ich erzähle, warum ein Jurist kurz vor dem Druck einen Satz von der neuen Kaffeeverpackung gestrichen hat, obwohl er stimmt. Er zeigt die Lücke im Gesetz: Direct Trade, Relationship Coffee und Ethical Sourcing fallen nicht darunter, solange sie im Fliesstext stehen.
Dazu die Einwände: Erzeugt Regulierung Greenhushing? Ist ein Audit einmal jährlich und angekündigt überhaupt ein Beweis? Und was passiert, wenn Produzenten den europäischen Markt zu mühsam finden und sich andere suchen? - Diese Folge läuft auf Englisch. O-Ton heisst hier: keine Fragen und kein Gegenschnitt. Eine Person erzählt ungekürzt ihre Geschichte..
1998 kauft Ilianas Vater eine verlassene Plantage in der Sierra Nevada de Santa Marta. Kein Zufahrtsweg, alte Bäume, eine Gegend, die niemand für Kaffee auf dem Schirm hat. Sein Weg in den Markt heisst Zertifizierung: vier Jahre Umstellung, 2004 der erste Verkauf von Bio-Kaffee in die USA. Danach Kanada, Japan, Südkorea, Australien, dazu Rainforest Alliance, UTZ, Bird Friendly. Eine Zeit lang ist die Farm die einzige in ganz Kolumbien, die jeden verfügbaren Standard erfüllt.
Zwanzig Jahre später zieht seine Tochter Iliana Bilanz und kommt zu einem unbequemen Ergebnis: Der Aufwand bleibt zwar, aber die Prämie nicht. Den Leuten auf der Farm geht es dadurch nicht besser. Und Kunden, mit denen sie seit fünfzehn Jahren arbeitet, misstrauen ihr ohne Siegel. Seit 2023 zahlt die Finca Puerto Rico keiner Zertifizierungsstelle mehr etwas. Sie verkauft trotzdem, unter anderem an uns.
Eine Folge über die Frage, wer bei Nachhaltigkeitsstandards eigentlich wem was beweist, und wer dafür bezahlt. - Koffein ist die meistkonsumierte psychoaktive Substanz der Welt, aber die am wenigsten hinterfragte. Carolin Reichert forscht am Zentrum für Chronobiologie in Basel seit fast zwanzig Jahren zu Schlaf und der inneren Uhr, ihre Doktorarbeit hat sie über das Adenosin-System geschrieben, genau den Mechanismus, den Koffein blockiert. Im Gespräch geht es um Entzug ohne Abhängigkeit, den Cortisol-Mythos rund um den perfekten Kaffee-Zeitpunkt und die grosse Koffein-Wissenslücke bei Kindern und Jugendlichen.
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Über Kaffeemacher Podcast
Der Podcast, der Kaffee ernst nimmt und deshalb nie nur bei Kaffee bleibt.
Kaffee dient mir im Kaffeemacher-Podcast als Spiegel. Kaffee ist ein Alltagsgetränk, das mehr verrät, als wir vielleicht denken: über Konsum, Preismacht, Landwirtschaft, Handel und die Welt dahinter.
Kaffee ist immer eine Einladung zu einem Gespräch, und deswegen lade ich Gäste zu den einzelnen Themen vor das Mikrofon. Das können Kaffeeproduzenten, Branchenkolleginnen oder Fachexperten sein.
Zwischen den längeren Folgen mit Gästen und den Statements von Kaffeproduzenten teile ich meine persönlichen Standpunkte.
Willkommen zum Kaffeemacher Podcast, ich bin Philipp Schallberger, wir hören uns.
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Philipp Schallberger ist geschäftsführender Gesellschafter der Kaffeemacher GmbH. Er leitet die Rösterei, verantwortet den Rohkaffee-Einkauf und arbeitet direkt mit Produzentinnen und Produzenten im Ursprung.
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