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Alex Demirović
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    tl;dr #57 Thomas Paine: «Die Rechte des Menschen» | Mit Axel Rüdiger

    15.1.2026 | 1 Std. 6 Min.
    Anders als die anderen besprochenen Autor*innen des tl;dr-Podcasts, die an Marx oder die materialistische Tradition anknüpfen, geht es in dieser Folge um Thomas Paine – ein „radikaldemokratischer Reformer“ (E.P. Thompson) des 18. Jahrhunderts. Paine war sowohl an der Unabhängigkeit der heutigen USA beteiligt, als auch an der Französischen Revolution – wo er mit Robespierre und den Jakobinern in Konflikt geriet.

    In seinem ungewöhnlich auflagenstarken Buch „Die Rechte des Menschen“ positionierte sich Thomas Paine bereits 1791 entschieden gegen die Monarchie und jegliche Art von Erbfolge im Bereich der Politik. Auch der Adel tue nach Paine nichts anderes, als sich Länder und Menschen durch Raub anzueignen – auch durch Steuern.

    Während die USA in diesem Jahr den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung feiern, drohen sie unter der Trump-Regierung in jene Machtkonzentration zurückzufallen, gegen die sich die Amerikaner*innen einst auflehnten. Die aktuellen „No Kings“-Proteste rufen in Erinnerung, was Paine bereits vor 250 Jahren proklamierte.

    Paine plädierte dafür, dass das Volk der Souverän sein muss. In dieser Auffassung unterscheidet Paine sich von Montesquieu und dessen Forderung nach Gewaltenteilung. Es brauche demnach keine Trennung von Exekutive und Legislative und auch kein Zwei-Kammern-System, sondern allein die Durchsetzung der Volkssouveränität.

    Ein Parlament darf nach Paine nicht die Partikularinteressen einiger weniger vertreten, sondern muss der Volkssouveränität folgen und für das Glück aller sorgen. Damit einher geht auch, dass Institutionen und Verfassungen immer überprüft und verändert werden können, genau genommen sogar von jeder Generation von neuem.

    Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Axel Rüdiger, Lehrbeauftragter an der FU Berlin für u.a. politische Theorie und Ideengeschichte.

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    tl;dr #56 Paul Lafargue: «Das Recht auf Faulheit» | Mit Stephan Lessenich

    05.12.2025 | 1 Std. 1 Min.
    Mit „Das Recht auf Faulheit“ hat Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, ein provokantes Pamphlet geschrieben. In dem kurzen Buch hinterfragt er ironisch die Tradition der Arbeiterklasse und deren Forderung nach Recht auf Arbeit. Gewissermaßen geht das Proletariat mit dieser Forderung der genussfeindlichen Bourgeoisie auf den Leim, so Lafargue: Es lässt sich von Moralisten und Ökonomen verführen, die behaupten, es brauche Wachstum.

    Dabei macht die körperliche Arbeit und hohe Produktivität nicht nur krank und senkt die Lebenserwartung. Sie führt darüber hinaus auch zu einer Überproduktion von Konsumgütern – die Kapitaleigentümer müssen immer neue Märkte und Bedürfnisse erschaffen oder Finanzmarkt-Akteure suchen, um das überschüssige Kapital loszuwerden.

    Lafargue plädiert dagegen für eine völlig neue Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, wo es all das nicht braucht. Statt Millionen von Menschen in Bediensteten-Beschäftigungen oder in unnützen Institutionen wie Polizei und Militär zu halten, will er die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf alle diese Menschen verteilen, und den Arbeitstag für alle Menschen auf 3 Stunden reduzieren. An solchen Arbeitstagen ist dann noch genug Zeit für Genuss, Sport, geistige Betätigung menschliche Beziehungen – oder einfach Faulheit.

    Auch die Maschine spielt bei dieser Emanzipation eine wichtige Rolle, da sie hochproduktiv ist und die körperliche Arbeit erleichtert. Damit sie das aber wirklich tut, statt den Produktionszwang immer weiter zu erhöhen, müssen die Arbeiter*innen sich die Technologie aneignen und wirklich zu ihren Gunsten nutzen.

    Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Soziologe Stephan Lessenich.

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    tl;dr #55 Angela Davis: «Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse?» | Mit Vanessa E. Thompson

    07.11.2025 | 1 Std. 4 Min.
    Die Schriftstellerin, Aktivistin und Philosophin Angela Davis wurde in den 1970er Jahren zur Ikone der Black-Power-Bewegung. Heute zählt sie zu den wichtigsten Vertreter*innen des Abolitionismus – eine Bewegung, die sich für die Überwindung staatlicher Gewaltinstitutionen einsetzt, wie sie etwa in Form von Gefängnissen oder der Polizei bestehen.

    In „Are Prisons obsolete?“ (2003), dt. „Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse?“, argumentiert Davis, dass das Gefängnis weder natürlich noch notwendig sei, sondern das Produkt einer rassistischen, klassenbasierten und patriarchalen Gesellschaft. Sie prägt den Begriff des industriellen Gefängniskomplex („Prison Industrial Complex“), um die Komplizenschaft des Gefängniswesens mit dem kapitalistischen Ausbeutungs- und Herrschaftssystem zu beschreiben.

    Wie anderen Abolitionist*innen geht es Davis nicht nur um die langfristige Abschaffung von Gefängnissen, sondern um eine radikale Transformation der kapitalistischen Lebensbedingungen, die Armut und Kriminalität systematisch reproduzieren. Ebenso wichtig ist daher der Aufbau von „Caring Communitys“ und Infrastrukturen zur Prävention von Armut, Kriminalität und Gewalt.

    Zu Gast in der 55. Folge unseres Theorie-Podcasts ist die Sozialwissenschaftlerin Vanessa E. Thompson, die gemeinsam mit Daniel Loick den Abolitionismus-Reader (Suhrkamp) herausgegeben hat. Sie lehrt an der Queen´s University in Ontario/Kanada.

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    tl;dr #54 Mao Tse-tung: «5 philosophische Schriften» | mit Felix Wemheuer

    15.10.2025 | 1 Std. 11 Min.
    Mao Tse-tung prägte die europäische Linke in den 60er und 70er Jahren weitreichend. Angesichts der heutigen Erkenntnisse über ihn und die Auswirkungen seiner Politik, stellt sich die Frage, ob und wie man seine Schriften heute noch lesen kann.

    Berühmt in der Rezeption sind bis heute Maos Ausführungen zu Haupt- und Nebenwiderspruch. Dabei wurde ihm oft vorgeworfen, viele Widersprüche - und somit gesellschaftlichen Kämpfe - auf einen Nebenwiderspruch zu reduzieren und damit wegzuwischen.

    Tatsächlich besagt seine Theorie aber, dass der Hauptwiderspruch nicht von vornherein festgelegt ist. Zwar betrachtet er etwa Proletariat und Bourgeoisie als einen führenden Hauptwiderspruch. Es kann durch Bewegungen jedoch zu einer Verlagerung kommen, sodass ein anderer Widerspruch zum Hauptwiderspruch wird und den anderen überlagert.

    Eine solche Verschiebung von Widersprüchen nimmt auch Louis Althusser in seiner Analyse der russischen Revolution auf. Die Gegensätze – Lohnarbeit und Kapital, Kleinbauern und Großbauern, Großbauern und Adel, usw. – überlagern sich. Der Kampf der Kleinbauern wird dann der Signifikant, in dem sich die ganzen anderen Widersprüche verdichten. In ähnlicher Weise ließe sich auch intersektionales Denken von heute verstehen.
    Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Sinologe und Mao-Experte Felix Wemheuer. Er ist Professor für moderne Chinastudien an der Universität Köln.

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    tl;dr #53 Herbert Marcuse: «Konterrevolution und Revolte» | mit Peter-Erwin Jansen

    17.9.2025 | 1 Std. 3 Min.
    In «Konterrevolution und Revolte» von 1972 beschreibt Herbert Marcuse, wie die westlichen Staaten nach den 68er-Protesten mit einer Konterrevolution reagierten, um das kapitalistische System zu restabilisieren. Politische Repression und das Versprechen von Wohlstand wirkten dabei zusammen – nicht nur Unterdrückung, sondern auch die ideologische Integration der Arbeiter*innenklasse in die «Konsumgesellschaft» machte Widerstand zunehmend unwahrscheinlicher, indem jegliches revolutionäres Potenzial in Konsumbedürfnisse umgelenkt und durch das Versprechen ökonomischen Aufstiegs innerhalb der bestehenden Ordnung befriedigt werden sollte.

    Gleichzeitig macht Marcuse auf die Keimformen einer neuen Revolte aufmerksam. Diese entspringe weniger der traditionellen Arbeiterklasse, sondern anderer gesellschaftlicher Randgruppen: Studierenden, Frauen, People of Color, ökologischen und antiimperialistischen Bewegungen. In ihrer Revolte zeige sich nicht nur politischer Protest, sondern auch ein kulturelles Aufbrechen bestehender Lebensweisen, etwa in der Sexualität, in der Kunst und in Alltagspraktiken. Damit werde ein Feld eröffnet, in dem andere Bedürfnisse, andere Formen des Zusammenlebens und andere Freiheiten sichtbar werden, die der Konsum nicht zu erfüllen vermag.

    Wie kann in einer Gesellschaft, die durch inhärenten Konsumzwang die Bedürfnisse der Subjekte vereinnahmt und ihre Fantasien formt, ein revolutionäres Begehren entstehen? Ist die Revolte marginaler Gruppen der Anfang einer neuen politischen Praxis oder nur ein kulturelles Störgeräusch, das allmählich vom System absorbiert wird? Und wie ist Marcuses Diagnose heute zu lesen – in einer Zeit, in der gesellschaftliche Errungenschaften von konservativen und rechten Akteur*innen massiv angegriffen werden?

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Über tl;dr

Der Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung Too long, didn’t read – so geht es einigen beim Anblick der Klassiker linker Theorie. Die über zweitausend Seiten langen Gefängnishefte von Antonio Gramsci, die komplizierten Schinken von Marx oder Edward Said – wenn ihr keine Zeit habt, die Bücher alleine durchzuackern oder eine Einführung sucht, dann hört euch den Theoriepodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung an. Durch den Podcast führt Alex Demirović. Der Professor für Politikwissenschaft an der Uni Frankfurt ist Vertreter der kritischen Theorie und Kenner sämtlicher linker Standardwerke. In jeder Folge stellt Alex Demirović Schlüsselwerke der linken Theorie vor. Es werden die zentralen Thesen der Werke und ihre heutige Relevanz diskutiert. Die Spannbreite liegt dabei vom klassischen Marxismus, Kritischer Theorie, Feminismus, antikoloniale Theorie, Poststrukturalismus bis hin zu Hegemonietheorie und Existenzialismus. Prof. Alex Demirović gibt euch in kurzen Vorträgen eine Einführung in die Biografie der Theoretiker*innen und fasst die zentralen Thesen zusammen. Anschließend diskutiert Alex Demirović in jeder Folge mit einem Gast über das Werk und seine Relevanz für aktuelle politische Kämpfe. Kontakt, Kritik, Feedback: [email protected]
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