73 Episoden
- Er ist der umstrittenste Komponist überhaupt – Richard Wagner, glühend
verehrt und heftig verabscheut. Und er hat eine braune Weste, obwohl die
Nazis erst 50 Jahre nach seinem Tod an die Macht kamen: Hitlers
Lieblingskomponist war er, und der »Führer« förderte die Bayreuther
Festspiele kräftig. Die feiern in diesem Sommer ihren 150. Geburtstag
mit Prominenz und Fans – und in der neuen Sachbuchfolge von »Was liest
du gerade?« diskutieren Maja Beckers und Alexander Cammann das kritische
Buch des Musikwissenschaftlers Anno Mungen über den Wagner-Kult in
Deutschland 1933 bis 1945. Wie hat das NS-Regime Wagners Opern genutzt –
und kann man ihn heute mit diesem Wissen noch unbefangen hören?
Sommerzeit ist Reisezeit: Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe ist die
große Reisende unter den heutigen Erzählern. In dem schmalen Band
»Reisen« erklärt sie, wie sie seit Jahrzehnten in der Welt unterwegs
ist, obwohl sie eigentlich immer eine Stubenhockerin war. Wir erfahren,
wie sie die Welt auf einem Containerschiff umrundet hat und warum die
Erfahrungen beim Reisen wichtiger sind als das, was man dabei lernt. Ein
Buch für unterwegs, mit dem man aber auch perfekt zu Hause bleiben kann.
Dort befindet sich wahrscheinlich auch der perfekte Ort zum Lesen oder
Podcasthören, um den diesmal unser Klassiker kreist: die Couchecke. Über
dieses besondere Interiorstück, seine Entstehung und gesellschaftliche
Bedeutung hat der Kunsthistoriker Martin Warnke 1979 einen klugen und
amüsanten Essay geschrieben. Maja Beckers und Alexander Cammann fragen
sich, ob man heute immer noch eine Couchecke in seinem Wohnzimmer haben
muss.
Als Geheimtipp haben sie diesmal ein Buch über Palmen und die deutsche
Künstlerkolonie Olevano bei Rom mitgebracht.
Kommen Sie gut durch den Sommer – natürlich mit guten Sachbüchern!
Das Team von »Was liest du gerade?« erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturhinweise:
- Anno Mungen: »Von Bayreuth nach Auschwitz«, Westend, 381 Seiten, 32
Euro
- Felicitas Hoppe: »Reisen«, Hanser Berlin, 128 Seiten, 20 Euro
- Martin Warnke: »Zur Situation der Couchecke«, in: »Warburgs
Schnecke«. Kulturwissenschaftliche Skizzen, Wallstein, S. 96–106
- Jutta Person: »Palmen«, Matthes & Seitz, 152 Seiten, 22 Euro
- Golo Maurer: »Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in
Italien die deutsche Kunst erfanden«, C. H. Beck, 384 Seiten, 29,90
Euro
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zwei ganz neue Romane, die beide viel über die Liebe in unserer
Gegenwart erzählen – Alles Liebe von Ronja von Rönne und Trost von
Angelika Klüssendorf.
Ronja von Rönne erzählt von Menschen, die über ihren ganz persönlichen
Abgrund balancieren, schwere Krebserkrankungen ihrer nächsten Freunde
und Verwandten aushalten müssen und darüber aus der Bahn kippen. Oder
plötzlich feststellen, dass sie einander nicht mehr lieben, als gerade
ein Kind unterwegs ist. Obwohl es sich auf den ersten Blick um
Erzählungen handelt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben,
ergibt sich am Schluss ein interessanter Zusammenhang. Die Erzählerin
aus der ersten Geschichte taucht in der letzten Geschichte als
Lokalreporterin wieder auf und verbindet alles. Wir fragen uns, geht
diese ungewöhnliche Konstruktion auf? Und passt der schwarze Humor der
Autorin zu dem schicksalsschweren Thema?
Angelika Klüssendorfs Roman Trost spielt 2022, dem ersten Jahr des
russischen Angriffskriegs, in Berlin und im Berliner Umland. Es sind
düstere und schicksalsschwere Tage, die man an der Seite einer
weitverzweigten Patchworkfamilie durchlebt. Leider verschwindet die
Hauptheldin schon nach wenigen Seiten nach einem Wespenstich auf einer
Intensivstation und der Rest ihrer bunt zusammengewürfelten Familie
kreist um diese schmerzende Leerstelle wie um eine untergegangene Sonne.
Wir diskutieren: Ist dies ein eindrückliches, großes
Gesellschaftspanorama aus dem ersten Berliner Kriegsjahr? Oder eher ein
heiter-makabres Nebenwerk einer bedeutenden Autorin?
Unser Klassiker ist einer der berühmtesten Kurzromane der Weltliteratur:
Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer. Die tragischen Tage
alleine auf hoher See, die hier erzählt werden, erinnern an das
besondere Verhältnis des Menschen zu allen Meeresbewohnern. Ein alter
Fischer, der ewig nichts gefangen hat, will es noch einmal wissen und
fährt weit hinaus. Der große Fisch, den er dann an der Angel hat,
liefert sich mit dem Alten einen erbitterten Zweikampf – aus dem fast
eine ergreifende Liebesgeschichte wird. Eine eiskalte Empfehlung für den
Strandkorb!
Das Team von »Was liest du gerade?« erreichen Sie unter buecher@zeit.de
Literaturhinweise:
Ronja von Rönne: Alles Liebe, dtv, 240 Seiten, 23 Euro (erscheint am 2.
Juli)
Angelika Klüssendorf: Trost, 208 Seiten, 24 Euro (erscheint am 3. Juli)
Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer, diverse
Taschenbuchausgaben
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Armut in Großbritannien so unsichtbar und wie lebt es sich eigentlich
auf einem Hausboot in London? Annette Dittert hat nach fast 20 Jahren
als Korrespondentin bei der ARD gekündigt und ein Buch geschrieben, mit
dem sie sich auf die Suche nach der Seele Großbritanniens begibt. Dear
Britain. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens wurde sofort zum
Nummer-1-Bestseller und zur ersten Sachbuchempfehlung für den Sommer von
Maja Beckers und Alexander Cammann in dieser Folge. Ein persönliches,
unterhaltsames und selbst für Kenner noch lehrreiches Portrait dieses
wunderbaren, bisweilen skurrilen Landes.
Als Zweites empfehlen die beiden einen herausragenden
Nature-Writing-Titel: Die dänische Journalistin Lea Koorsgaard hat sich
vorgenommen, in einem Jahr alle Schmetterlingsarten Dänemarks zu sehen.
Das Jahr der Schmetterlinge, eine Erkundung dieser zarten Tiere,
Dänemarks und seiner Natur und eigentlich des Lebens an sich.
Und falls Sie nach Paris fahren, jemals dort waren oder irgendwann
hinwollen, sollte Ruth Zylbermans Rue Saint Maur 209 in ihren Koffer,
eine außergewöhnliche und wunderbar geschriebene Recherche über die
Bewohner eines Pariser Wohnhauses von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis
heute. Einen besonderen Fokus legt Zylberman auf die Zeit des Zweiten
Weltkrieges, in der jüdische Bewohner von hier aus deportiert wurden und
zu der Nazi-Kollaborateure und Retter, die jüdische Kinder versteckten,
hier unter einem Dach lebten.
Der Klassiker, den man diesen Sommer wunderbar gut lesen kann, ist Die
Alpen des berühmten Alpenforschers Werner Bätzing. Er hat sein extrem
erfolgreiches Buch von 1984 komplett überarbeitet und mehrere Kapitel
neu geschrieben, unter anderem das über die Zukunft der Alpen.
Hochaktuell und unterhaltsam – nirgendwo lernt man mehr über Europas
größtes Hochgebirge.
Und zuletzt geben Maja Beckers und Alexander Cammann auch wieder eine
persönliche Empfehlung: Das ist diesmal Shakespeares Schwestern. Wie
Frauen die Renaissance schrieben von Ramie Targoff und Ein Sommer mit
Goethe von Gustav Seibt. Auch diese beiden sind perfekter
Ferienlesestoff.
Literaturhinweise:
Annette Dittert: Dear Britain. Auf der Suche nach der Seele
Großbritanniens, Dumont, 256 Seiten, 24 Euro
Lea Koorsgaard: Das Jahr der Schmetterlinge, übersetzt von Kerstin
Schöps, Ullstein, 336 Seiten, 22,99 Euro
Ruth Zylberman: Rue Saint-Maur 209. Ein Pariser Wohnhaus und seine
Geschichten, Schöffling, 480 Seiten, 21,99 Euro
Werner Bätzing: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen
Kulturlandschaft, C.H. Beck, 502 Seiten, 39,90
Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe, C.H. Beck, 272 Seiten, 25 Euro
Ramie Targoff: Shakespeares Schwestern. Wie Frauen die Renaissance
schrieben, Insel, 431 Seiten, 28 Euro
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wird der brave Pferdehändler aus Brandenburg zu einem gefürchteten
Terroristen, der verzweifelt um sein Recht kämpft. Aber wer ist Michaela
Kohlhaas? Sie ist die Heldin im aktuellen Roman der Leipziger
Schriftstellerin Heike Geißler. Michaela Kohlhaas verlässt ihre
bürgerliche Existenz, zieht mit einem Planwagen durch Deutschland und
kämpft für mehr Gerechtigkeit auf der Welt. Wir diskutieren in unserem
ZEIT-Bücherpodcast: Ist das eine gelungene Aktualisierung von Kleist?
Oder etwas völlig anderes? Und was hat es mit dieser modernen
Systemsprengerin auf sich?
Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Wir
fragen uns: Warum lieben wir sie noch immer so sehr? Was hat sie uns zu
sagen? Und wir sprechen über eine ihrer autobiografischen Erzählungen:
»Drei Wege zum See«. Die Erzählung erschien ein Jahr vor ihrem Tod und
enthält all ihre großen Lebensthemen. Wie lebt eine Frau in der
Männergesellschaft? Wie schwer lastet die Vergangenheit auf uns? Warum
fühlte Bachmann sich überall wie eine Fremde?
Die italienische Schriftstellerin Fleur Jaeggy, heute 85 Jahre alt, war
eine enge Freundin von Ingeborg Bachmann. In einem ergreifenden kleinen
Erinnerungsbuch erzählt sie von den letzten Tagen ihrer Freundin. Und
sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Bachmanns österreichische Familie und
die deutschen Freundinnen. Wir diskutieren über Jaeggys These: Hätte
Ingeborg Bachmann nach dem schweren Brandunfall 1973 in ihrer Wohnung in
Rom noch gerettet werden können? Die Wucht dieses kleinen Buches zeigt –
Bachmann lässt noch immer niemanden kalt.
Das Team von »Was liest du gerade?« erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturhinweise:
- Heike Geißler. »Michaela Kohlhaas«. Suhrkamp Verlag. 253 Seiten,
24,– Euro
- Fleur Jaeggy. »Die letzten Tage von Ingeborg Bachmann«. Suhrkamp
Verlag. 44 Seiten. 16,– Euro
- Ingeborg Bachmann. »Drei Wege zum See«. In: »Simultan«. Piper
Verlag. 224 Seiten. 11,– Euro
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seinem Bestseller erstmals intensiv und öffentlich mit seinen berühmten
Eltern Rut und Willy Brandt auseinander. Was hat ihr widerständiges
Leben uns gerade heute wieder zu sagen? Darüber diskutieren Maja Beckers
und Alexander Cammann in der aktuellen Sachbuchfolge von »Was liest Du
gerade?«. Die Brandts kämpften als Antifaschisten gegen den
Nationalsozialismus – und wurden später von den Deutschen geliebt,
verehrt und gehasst. Lange wollte ihr prominentes Kind aber seinen
eigenen Weg gehen, nicht als ewiger Sohn des Kanzlers. Angesichts der
Bedrohung für unsere Demokratie durch die AfD entdeckt Matthias Brandt
in diesem schmalen Band jedoch die Aktualität seiner Eltern, die unter
Lebensgefahr im Exil Mut bewiesen.
Narzisstisch sind meistens ja immer nur die anderen. Seit ein paar
Jahren ist die Diagnose populär, oft soll sie auch die Krise unserer
Gesellschaft erklären – und vor Narzissmus-Warnungen kann man sich kaum
retten. Aber Thomas Arnold und Thomas Fuchs sortieren jetzt in ihrem
Buch »Das unersättliche Selbst« die verschiedenen Phänomene, analysieren
Selfie-Kult und Social-Media-Sucht und zeigen, was Narzissmus mit
mangelndem Selbstwertgefühl und Fluchtimpulsen zu tun hat. Entgeht man
so dieser speziellen Ego-Falle?
Viel zu wenig bekannt ist die 2003 verstorbene französische Autorin
Monique Wittig, eine feministische Klassikerin, die seit 1976 in den USA
lebte. Warum sie heute wieder lesenswert ist, erkennt man an ihrem
originellen Essayband »Das straighte Denken«, der ihre wichtigsten Texte
vorstellt: Sie will die Geschlechterkategorien Frau und Mann gleich ganz
abschaffen und plädiert für ein lesbisches Leben, weil schon in der
Heterosexualität die Unterdrückung lauert.
Am Schluss wie immer die Geheimtipps unserer Hosts: Kia Vahlands Buch
»Tizian und Venedig«, ein schönes Porträt des berühmten
Renaissancemalers in seiner Lagunenstadt, und den von Julien Gupta
herausgegebenen Band »Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen« mit
klugen Essays prominenter Autoren zu einem Gefühl, das wir heute
dringend brauchen.
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Literaturhinweise:
- Thomas Arnold/Thomas Fuchs: Das unersättliche Selbst. Phänomenologie
des Narzissmus, Suhrkamp, 200 Seiten, 28 Euro
- Matthias Brandt: Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern
und persönliche Verantwortung heute, Kiepenheuer & Witsch, 16 Euro,
128 Seiten
- Monique Wittig: Das straighte Denken, Merve, 144 Seiten, 15 Euro
- Kia Vahland: Tizian und Venedig, Insel, 117 Seiten, 16 Euro
- Julien Gupta (Hrsg.): Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen,
Oekom, 208 Seiten, 19 Euro
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Wer ist nun besser: Kehlmann oder Kafka? Und was macht ein wirklich gutes Buch mit seinen Lesern und Leserinnen? Zweimal im Monat streiten und schwärmen wir über Bücher. Wir suchen aus der Fülle der Neuerscheinungen die interessantesten Bücher aus – mit Vorliebe solche, die uns selbst auf neue Gedanken gebracht haben. Es geht um neu erschienene Romane und Sachbücher und literarische Klassiker, die überraschende Schlaglichter auf die Gegenwart werfen.
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