In dieser Folge zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus geht es um Texte des jüdischen Dichters Yakoov Barzilai.Teufelswerk„Mir ist es langweilig im Himmel”, sagte Gott.Im Jahre 1943Und gab den Engeln ein Zeichen.Und die ließen hinunter Jakobs Leiter.Und Gott stieg hinab, auf die Erdkugel, die er schuf.Verkleidet als JudeMit Schläfenlocken und Bart ging er zwischen den LeutenAuf dem Umschlagplatz von WarschauEr trug einen gelben Stern, um sich kenntlich zu machenAls er eingepfercht wurde in den ViehwaggonVersuchte er zu entkommen„Ich bin Gott!”, schrie erSeitdem ist er spurlos verschwunden ...Feuer auf dem PlatzUnd damals in diesem verfluchten Jahrhundertsagte er in der Nacht — Es werde TagUnd zündete den Platz anUnd alle Augen richteten sich auf die BilderUnd alle Ohren lauschten den StimmenUnd da — es wuchs ein Berg auf dem PlatzEin Berg von BüchernErhabener als die Gipfel des HimalayasHundert Millionen Worte zusammengekauertZwischen den BlätternBestehend aus Buchstaben dünnen und dickenRunden und eckigenUnd das Feuer erfasste die BuchstabenUnd sie weinten und stöhntenAber ihr Flehen blieb vergeblichUnd auf dem Platz wie in der SteinzeitEine Horde Menschen tanzend um das FeuerGanz langsam brannten die GedichteZeile für ZeileUnd alle Wörter erstickten im RauchSechs Tage brannten die WorteAm siebten Tag erlosch das FeuerUnd als das letzte Buch gestorben warBreitete sich Dunkelheit über den ganzen Platz aus.WandertruppeAls der letzte Vorhang fielNach der großen VorstellungIn TheresienstadtWurden die Schauspieler fortgeschicktIn ein anderes TheaterNach AuschwitzDort führten sie das Stück „Der Duft von Senf“ aufIn der tausendsten VorstellungAlle wichtigen PersönlichkeitenFüllten die ManegeGott saß in der ersten ReiheIn der MitteUnd klatschte in die HändeVoller BegeisterungDanach —Ein Vorhang aus Rauch.Mein Vater wird das Brot nicht mehr segnenNicht in diesem JahrhundertUnd nicht in dem NächstenUnd nicht in dem 25. JahrhundertUnd nicht in dem 30. JahrhundertUnd vielleicht nie wird man entdeckenEine Getreideart, die besser istAls das deutsche Getreide,das hervorragend ist.Es wird kein Wissenschaftler geboren werdenUnd kein Genie gefunden werdenUnd es wird nicht emporsteigen ein BegabterUnd kein Landwirt wird heranwachsenDerJeder für sichUnd alle zusammenEinen organischen Dünger erfinden werdenDer besser istAls mein Vater.ErgiebigerAls mein GroßvaterUnd frischerAls mein OnkelSie düngen seitdem und bis heuteDen deutschen Weizen in seiner fruchtbaren ErdeEs wird nicht segnenMein VaterDas BrotEs wird nicht zu hören seinMeines Großvaters EssenssegenUnd auch mein OnkelWird nicht auf seinem Bauch kriechenUm zu danken für eine SchaleRote BeeteDie du eintauschtestGegen eine BleikugelHerr Gott im HimmelKönig der SchalenDie mein OnkelNicht verdient hatGott der Liebe,der meinen Großvater nicht liebteGott des VerzeihensDer meinem Vater nicht verziehen hatGott der Welt,Wen hast Du erschaffen nach deinem Ebenbild?Nur die NachkommenDer BösenOder hast du auch mich erschaffen?
*zwei Gedichte kann ich hier nicht abdrucken, da die Shownotes auf 4000 Zeichen begrenzt sind.