Ich gebe zu, der Titel dieses Textes ist bewusst etwas provozierend gewählt. Nicht, um Aufmerksamkeit zu erzwingen, sondern weil er genau den Gedanken trifft, der mich seit Tagen nicht loslässt.
Ein Freund erzählte mir kürzlich von einem gemeinsamen Bekannten. Beruflich ist er extrem erfolgreich, ehrgeizig, fokussiert, diszipliniert. Einer, der sich Ziele setzt und sie erreicht. Nun hat er sich ein neues vorgenommen. Kein berufliches, kein wirtschaftliches – sondern ein sehr persönliches.
Er möchte in diesem Jahr allein mit seinem Motorsegler den Nordatlantik überqueren. Und als wäre das nicht genug, plant er bereits das nächste Abenteuer: die Nordwestpassage mit dem Segelboot. Eine Route durch eisige Gewässer, fernab jeder Zivilisation, fernab jeder schnellen Hilfe.
Das ist kein Sonntagsausflug. Keine sportliche Herausforderung im üblichen Sinn. Es ist eine Unternehmung, die reale Gefahren birgt: Kälte, Isolation, unberechenbares Wetter, technische Risiken. Eine Reise, die – nüchtern betrachtet – ein Leben kosten kann.
Ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Ich kenne seine Beweggründe nicht. Aber ich gehe davon aus, dass ihm dieses Risiko vollkommen bewusst ist. Dass er weiß, worauf er sich einlässt. Und dass er trotzdem aufbricht.
Dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Nicht das Abenteuer an sich. Nicht einmal der Mut, den es dafür braucht. Sondern die Bereitschaft, für ein solches Vorhaben im Zweifel mit dem eigenen Leben zu bezahlen.
Bereit zu sterben – für ein Abenteuer.
Die Faszination des Extremen
Die Geschichte dieses Bekannten steht nicht für sich allein. Sie reiht sich ein in eine lange Linie von Menschen, die bewusst dorthin aufbrechen, wo es kalt, einsam und gefährlich wird. In Gegenden, in denen Fehler ernsthafte Folgen haben und Hilfe keine Selbstverständlichkeit ist.
Bei solchen Unternehmungen denkt man schnell an historische Expeditionen. An Menschen wie Roald Amundsen, die in einer Zeit aufbrachen, in der eine Rückkehr eher Hoffnung war als Zusage. Wer damals loszog, wusste: Es kann gutgehen – muss es aber nicht.
Noch näher liegt für mich jedoch Reinhold Messner. Nicht als Held, nicht als Abenteuermarke, sondern als jemand, der immer offen davon gesprochen hat, dass man am Berg sterben kann. Und dass genau dieses Wissen Teil der Entscheidung ist. Kein Ausblenden, kein Schönreden. Sondern Klarheit darüber, was auf dem Spiel steht.
Was diese Menschen verbindet, ist weniger der Wunsch nach Ruhm oder Aufmerksamkeit. Es geht nicht um Unterhaltung oder Ablenkung. Es geht um etwas sehr Konkretes. Um das Erleben der eigenen Grenze. Um die Erfahrung, ob man mit sich selbst zurechtkommt, wenn Sicherheiten wegfallen. Für viele ist diese Art von Herausforderung kein Zusatz zum Leben, sondern etwas, das sie brauchen, damit es sich für sie richtig anfühlt.
Von außen werden solche Menschen schnell als Spinner bezeichnet. Als lebensmüde oder verantwortungslos. Wer genauer hinschaut, sieht oft das Gegenteil. Akribische Vorbereitung. Wochen, manchmal Monate des Planens, Trainierens, Durchdenkens. Und wenn sie dann unterwegs sind, handeln sie aufmerksam, konzentriert, nüchtern. Keine Romantik. Kein Leichtsinn.
In solchen Situationen sind sie ganz bei der Sache. Nicht im Sinne von „jeden Moment auskosten“, wie man es oft liest. Sondern ganz praktisch. Weil es keine Alternative gibt. Extreme Unternehmungen lassen wenig Spielraum. Man kann nicht nebenbei etwas anderes machen. Man kann sich nicht ablenken. Der Körper ist gefordert, der Kopf muss klar bleiben, Entscheidungen müssen getroffen werden. Alles andere rückt automatisch in den Hintergrund.
Der normale Alltag funktioniert anders. Er ist strukturiert, organisiert, gut abgesichert. Und genau darin liegt auch seine Kehrseite. Wir leben heute bequemer und sicherer als frühere Generationen. Und trotzdem fühlen sich viele innerlich zerstreut. Man ist ständig beschäftigt, aber selten wirklich bei einer Sache. Gedanken springen, Aufmerksamkeit verteilt sich auf zu viele Dinge gleichzeitig.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass manche Menschen dort Klarheit finden, wo das Leben auf eine schmale Spur reduziert wird. Wo man sich nicht verstecken kann. Wo Entscheidungen nicht theoretisch bleiben, sondern spürbare Folgen haben.
Nicht, weil sie den Tod suchen. Sondern weil sie diese Form von Herausforderung für ihr gutes Leben brauchen.
Meine persönliche Einstellung
Auch ich brauche Herausforderungen. Ich gehe Risiken ein. Und bei fast allem, was wir tun, schwingt ein gewisses Risiko mit. Selbst dann, wenn wir zu Fuß unterwegs sind oder ins Auto steigen. Die Möglichkeit, nicht zurückzukehren, ist real und gehört zum Leben dazu, ob wir darüber nachdenken oder nicht.
Trotzdem wäre ich nicht bereit, für ein solches Abenteuer mein Leben bewusst aufs Spiel zu setzen. Ich kann mir vorstellen, eine Woche zu Fuß durch Österreich zu gehen, alleine. Ich kann mir auch vorstellen, mit dem Kajak auf europäischen Flüssen unterwegs zu sein. Aber was ich persönlich brauche – zumindest nach heutigem Gefühl – ist ein Sicherheitsnetz. Die Möglichkeit, Hilfe zu holen, wenn etwas Unvorhersehbares passiert.
Das hat für mich wenig mit Angst zu tun. Es ist eher eine Frage der eigenen Art. Ich glaube, mir fehlt die innere Anlage für diese Form des Extremen. Und das ist in Ordnung. Jeder von uns bringt andere Eigenschaften mit. Jeder von uns hat ein anderes Verhältnis zu Risiko, Kontrolle und Sicherheit.
Vielleicht besteht Mut nicht darin, alles zu riskieren.Sondern darin, zu wissen, was man nicht riskieren will.
Und vielleicht gehört auch das zu einem aufrechten Leben: die eigenen Grenzen zu kennen, ohne sie mit denen anderer zu verwechseln.
Würdest du für ein Abenteuer dein Leben aufs Spiel setzen?
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