50 Episoden
- Ein 71-jähriger, sportlich aktiver Tennisspieler entwickelt innerhalb von 24 Stunden Schmerzen am rechten Unterschenkel, Fieber bis 39 Grad und eine flammende, scharf begrenzte Rötung. Andreas hat die Diagnose sofort im Kopf, und genau das ist das Problem. Gemeinsam arbeiten Ingo und Andreas die TANTE-PIAV-Liste ab. Dann probieren sie etwas Neues aus: Ingo schickt Andreas live ein Foto, und die Diagnose ist in einer Zehntelsekunde gestellt.
Von dort geht es zu Fluch und Segen der Blickdiagnose. Was braucht es dafür? Was macht sie so verführerisch, und warum genießt sie unter Ärztinnen und Ärzten so hohes Ansehen? Und wie oft liegt das sichere Gefühl daneben?
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Erwähnte Literatur:
Weng QY, Raff AB, Cohen JM et al. Costs and Consequences Associated With Misdiagnosed Lower Extremity Cellulitis. JAMA Dermatol 2017;153(2):141–146. DOI: 10.1001/jamadermatol.2016.3816
Tischendorf FW (Hrsg.). Der diagnostische Blick. Atlas und Textbuch der Differenzialdiagnostik.
Schattauer, Stuttgart
Gawande A. Complications: A Surgeon's Notes on an Imperfect Science. 2002 (Kapitel „The Case of the Red Leg“) - Hier kommt eine weitere Folge aus unserer lockeren Reihe zu wichtigen Studienergebnissen – und zugleich
unsere erste offizielle Fokusfolge. Heute geht es um die STAREE-Studie aus dem New England Journal, eine
industrieunabhängige Studie aus Australien. Knapp 10.000 gesunde Menschen über 70 Jahre ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung, Diabetes oder Demenz erhielten in Hausarztpraxen entweder 40 mg
Atorvastatin oder Placebo und wurden über rund sechs Jahre beobachtet. Untersucht wurden kardiovaskuläre
Ereignisse sowie das Überleben ohne Demenz oder bleibende Behinderung.
Ingo und Andreas stellen die Studie vor und besprechen gemeinsam, welche Erkenntnisse sich aus dieser Arbeit ableiten lassen und welche nicht. Was bleibt von „30 % weniger Herzinfarkten“, wenn man genau hinschaut? Und brauchen gesunde Über-70-Jährige wirklich ein Statin?
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Atorvastatin, Cardiovascular Events, and Disability-free Survival in Older Adults
N Engl J Med 2026, DOI: 10.1056/NEJMoa2607314 - Wir sind große Fans evidenzbasierter Medizin. Aber was tun, wenn es für die Situation einer Patientin schlicht keine Studie gibt? Andreas bringt die Geschichte einer jungen Frau mit, die seit ihrer Kindheit einen Typ-1-Diabetes hat und über die Jahre viele schwere Komplikationen bekommen hat. Eine kombinierte Nieren-Pankreas-Transplantation sollte die Wende bringen. Die Niere geht schon am Tag nach der Operation verloren, das Pankreas arbeitet, und sie braucht kein Insulin mehr. Doch dann steigt das HbA1c langsam an, bei hohem C-Peptidspiegel. Im Arztbrief steht plötzlich „Typ-2-Diabetes“, dazu die Empfehlung für drei neue Medikamente.
Ist das wirklich ein Typ-2-Diabetes? Was macht Tacrolimus mit dem Zuckerstoffwechsel? Und warum haben fast alle Menschen nach einer Pankreastransplantation erhöhte Insulinspiegel? Andreas und Ingo tasten sich vorsichtig voran. Sie wägen Metformin, SGLT2-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten, DPP-4-Hemmer, Basalinsulin und Bewegung gegeneinander ab. Dabei merken sie, dass sie plötzlich pathophysiologisch argumentieren. Was pathophysiologisch plausibel ist, muss klinisch noch lange nicht richtig sein.
Es geht auch um Action Bias und den ärztlichen Beschützerinstinkt. Es geht um den Mut, einer Patientin zu sagen: „Das weiß ich nicht, ich muss darüber nachdenken.“ Und es geht um die Frage, was KI-Tools wie OpenEvidence leisten und was nicht. Am Ende gibt es einen Blick über den Tellerrand in die Soziologie. Hartmut Rosa hat ein interessantes Buch geschrieben, dass auch uns Mediziner betrifft.
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Links und Tipps
Folge 23 – Ist das Typ-2-Diabetes? – Hintergrund zur Unterscheidung Typ 1 / Typ 2 / Typ 1,5
Folge 26 – Ärztliche Denkfehler mit Matthias Janneck – mehr zu Action Bias und anderen kognitiven Verzerrungen Folge 46: Wirklich psychisch bedingt? – Diagnosen am Übergang von Körper und Seele, mit Hans-Ulrich Schmidt
15.09.2026 | 1 Std. 2 Min.Manchmal sitzt eine Patientin mit Schluckbeschwerden und Gewichtsverlust in der Praxis – und der Überweisungsschein für die Gastroskopie ist schon fast ausgestellt. Dann fällt dem Arzt auf, dass sie seltsam traurig wirkt. Ein kurzes Nachfragen genügt: Die Mutter hat gerade die Diagnose Ösophaguskarzinom bekommen. Braucht diese Patientin wirklich eine Spiegelung – oder etwas ganz anderes?
In dieser Folge ist wieder Dr. Hans-Ulrich Schmidt zu Gast, Psychosomatiker am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Er ist Mitherausgeber des Buches „Wirklich psychisch bedingt?" (Schattauer Verlag, inzwischen in 2. Auflage), das er gemeinsam mit Ulrich Lamparter und einem großen Kreis von Kolleginnen und Kollegen verfasst hat – darunter auch Beiträge von Andreas und Ingo.
Das Buch bildet den Ausgangspunkt für eine Diskussion, die weit über eine Buchvorstellung hinausgeht: Wie stellt man eigentlich eine psychosomatische Diagnose – positiv oder per Ausschluss? Wie viel Ungewissheit müssen Ärztinnen und Ärzte aushalten können? Und warum ist eine somatische Diagnose für viele Patientinnen und Patienten entlastend, eine psychische dagegen noch immer belastend?
Buchhinweis:
Hans Ulrich Schmidt & Ulrich Lamparter (Hrsg.), „Wirklich psychisch bedingt?“ – Somatische Differenzialdiagnosen in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie
Schattauer Verlag – ISBN 978-3608401844- Ingo war im Urlaub. Und weil er auch dort nicht aufhören kann zu beobachten, hat er vier Beobachtungen auffälliger Menschen mitgebracht – vom Hotelfrühstück, aus dem Café und vom Marktplatz. Eine junge Frau mit einem kleinen Gerät am Arm. Ein Mann mittleren Alters, dessen Atmung man schon von weitem hört. Eine junge Frau im Rollstuhl mit einem kunstvollen Verband. Und ein älterer Herr, der aufhören kann, sich zu kratzen.
Kann Andreas aus diesen flüchtigen Beobachtungen – ohne Anamnese, ohne Labor, ohne Befund – eine Diagnose ableiten? Und wie viel verrät ein Mensch, ohne es zu wissen?
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Über Denkfabrik Medizin
In diesem Podcast geht es um das ärztliche Denken. Insbesondere um Aspekte, wie Ärzte eine Diagnose stellen und was auf dem Weg der Diagnosestellung für Fallstricke und häufige Denkfehler auftreten können.
Dazu gehören so spannende Fragen wie:
- wie werden Diagnosen gestellt oder gar gemacht?
- was sind die Unterschiede zwischen Mustererkennung und analytischem Denken?
- welche Tests setzen wir zur Diagnosefindung ein und wie bewerten wir die Ergebnisse?
- und nicht zuletzt: wie gehen wir mit der Neigung unseres Gehirns um, Denkfehlern aufzusitzen?
Mit all diesen Fragen beschäftigen wir uns im Podcast. Dabei stellen wir immer ein Fallbeispiel aus unserer eigenen Praxis vor.
Wir beide, Ingo Krenz und Andreas Klinge sind Internisten aus Hamburg. Nachdem wir unsere Weiterbildung in Hamburger Krankenhäusern absolviert haben, sind wir beide seit mehr als 20 Jahren in der Praxis tätig. Ingo mit einem Schwerpunkt in der Nephrologie und Andreas mit einem Schwerpunkt in der Diabetologie.
Der Podcast erscheint alle 4 Wochen und richtet sich an Medizinerinnen und Mediziner. Wir denken dabei an ärztliche Kolleginnen und Kollegen, die am Denken und den Fehlermöglichkeiten, die dabei auftreten können, interessiert sind.
Wir denken aber auch an Studierende in den klinischen Semestern, die gerade dabei sind, das Diagnosestellen zu erlernen.
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